Die GENERAL-Anzeiger-Berichte, 22.08.2009

von Das WCCB-Team des GENERAL-ANZEIGER

Die Millionenfalle, Teil 1

Als Man Ki Kim 2005 Bonn besucht, trifft er auf Stadtobere, die ohne Investoren für das größte Zukunftsprojekt dastehen: Das World Conference Center Bonn (WCCB) soll der nächste Schritt zum Ausbau als UN-City sein und die Stadt noch mehr ins internationale Rampenlicht rücken. Ein weitsichtiger Ansatz. Auch wenn es seine Kosten nicht selbst einspielt, würden die positiven Wirkungen bis zum letzten Taxifahrer strahlen. In dieser Situation scheint der Himmel SMI Hyundai Corporation zu schicken. Sein "Präsident" Kim baut die Brücke zum großen Ziel.

SMI Hyundai Corporation verkörpert den großen Wurf, der jedoch mit etwas beginnt, was man höflich Missverständnis und rückblickend Täuschung nennen könnte. Kim deutet - häufig, vage, dezent - an, dass der hierzulande als Autoriese wahrgenommene Hyundai-Kia-Konzern ja auch der Fußball-WM-Sponsor in Deutschland (2006) gewesen sei. Das assoziiert einen Jahresumsatz von mehr als 30 Milliarden Dollar - eine wirtschaftliche Kraft, wogegen das von ihm benötigte WCCB-Invest, 40 Millionen Euro, tatsächlich wie Peanuts wirkt. Und wirken soll.
Zudem sagt der manierliche Herr aus Südkorea "I like Bonn" und einige zukunftsweisende Sätze, die bei den Hilfesuchenden den Eindruck großer Professionalität und Ernsthaftigkeit vermitteln. Kim spricht über Bonn als "Wiege der deutschen Demokratie" und über "offenes Weltbürgertum". Und von Beethoven, der in seinem Land sehr verehrt werde - "wonderful". Kim bespielt damit perfekt und gezielt die Fantasiesaiten Bonner Politiker, die in diesem Augenblick Treuhänder öffentlicher Millionen-Zuschüsse von Bund und Land sind - letztlich von Steuerzahlergeld. Die Politiker wollen, das darf man ihnen abnehmen, nur das Beste für ihre Bundesstadt.

Es dauert nicht lange, und alle Bonner Parteien üben sich, selten genug, im Chorgesang: Ja, SMI und Kim tragen Bonn in die Zukunft, und in der allgemeinen, wunschgetriebenen Zuversicht verklärt sich die Empfindung für einen Investor zur Prüfung eines Investors. So können selbst in Rathäusern parteiübergreifende Einheitsgefühle entstehen: Jetzt geht es um das Wohl der Stadt, und wer jetzt etwas Kritisches anmerkt, bohrende Sachfragen stellt oder seine zänkischen Parteienreflexe nicht zügelt, der erkennt nicht den historischen Augenblick.

Mit vier Klicks im Internet hätte jeder Neugierige entdeckt, dass SMI Hyundai gesellschaftsrechtlich nichts mit dem Konzern Hyundai-Kia zu tun hat. Vier Klicks, die vielleicht einen Hoffnungsträger zerstören, aber auch vor Finanzjongleuren schützen können. Kaum vorstellbar, dass nicht ein Bonner Fraktionschef neugierig im Internet unterwegs war, aber keiner will vermutlich als jemand auffallen, der ein Haar in der Suppe gefunden hat. Und so feiern alle SMI Hyundai: SPD, CDU, FDP, Grüne/Bündnis 90, selbst der allzeit kritische Bürgerbund. Kim und SMI Hyundai werden unisono als "Glücksfall für Bonn" bejubelt.

Auf der Zeitachse herrscht zwar im Frühjahr 2006 keine Eile, aber bummeln könnte riskant werden. Wäre der Bau nicht Ende 2009 fertig, müsste man zwölf Millionen Euro an das Land Nordrhrein-Westfalen zurückzahlen.

In Frankfurt am Main trocknet deshalb schon am 8. März 2006 beim Notar Ulrich Harth auf der Urkundenrolle Nr. 221/2006 die Tinte der bevollmächtigten Rechtsanwälte der Bundesstadt Bonn und von SMI Hyundai unter dem Projektvertrag. Auf 49 Seiten werden (fast) alle Eventualitäten und Ernstfälle geregelt, aber auch, dass SMI "spätestens bei Beginn der Bauarbeiten" insgesamt 40 Millionen Euro Eigenkapital nachweisen muss. Das entspricht in etwa 0,1 Prozent der Suggestion von der wirtschaftlichen Kraft des Autokonzerns Hyundai-Kia.

Vier Monate später wird die UN Congress Centrum GmbH (UNCC) gegründet und Kim (SMI) zum Geschäftsführer bestellt. SMI Hyundai hält 100 Prozent der Anteile. Der Bundesanzeiger meldet am 28. Juli 2006, dass 10 Millionen Stammkapital hinterlegt sind. Zwischenzeitlich hat Kim mit seiner Familie eine große Wohnung bei der städtischen Vebowag gemietet, und es spricht sich bald herum, dass Kim nur für ein paar Monate seine Miete gezahlt haben soll. Dann nicht mehr. Wer das Gras wachsen hört und zuvor die vier Klicks gemacht hat, könnte sehr skeptisch geworden sein. Umgekehrt und durch die Zuversicht-Brille betrachtet, erscheint es auch plausibel: Einer, der täglich mit Millionen hantiert, kann Mal kleine Beträge vergessen. Wie kleinkariert könnte es wirken, den großen Investor auf seinen Mietrückstand hinzuweisen?

Bald rückt der Baubeginn näher, und Kims Lage wird ernst, weil er erst zehn von 40 Millionen nachgewiesen hat, weil der Bau nach den Buchstaben des Projektvertrages aber erst begonnen werden darf, wenn die 40 Millionen Eigenkapital vorliegen. Doch der weltgewandte Herr aus Südkorea mimt weiter den Grandseigneur. Aber hinter seiner Maske schwitzt der SMI-Direktor, der sich zuweilen auch "Präsident" nennt. Es ist spannend. Werden Stadt und ihre "Hausbank" Sparkasse KölnBonn trotzdem auf die "Go"-Taste drücken? Erst Eigenkapital, dann Kredit: Vorher dreht sich kein Baukran. Diese eherne Regel im Bankengeschäft gilt sowohl für Reihenhäuser als auch Kongresszentren. "Und wenn ausländische Investoren im Spiel sind, gilt diese Regel erst recht", erklärt ein Banker. Für Kim und alles, was noch folgen soll, beginnt eine entscheidende Testphase. Wie weit kann Kim die Lage für sich ausreizen? Wie groß ist der Druck der Stadt bei diesem Prestigeobjekt wirklich?

Er scheint riesengroß zu sein, denn am 3. November 2006 lädt Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann zum WCCB-Spatenstich ein. Dass sie weiß, wie sehr dem Hoffnungsträger das Wasser bis zum Hals steht, lässt sich nur vermuten. Aber keiner in Bonn ist sich offenbar bewusst, dass hier noch nicht einmal der Schwanz mit dem Hund wedelt, sondern eher nur die Pfote: Kim ist mit zehn Millionen Euro nun Herr über öffentliche Zuschüsse und den Kredit der Sparkasse KölnBonn. Das sind mehr als 100 Millionen Euro, über die Herr Kim nun als 100-Prozent-Gesellschafter der UNCC GmbH und Generalunternehmer frei verfügen kann. Und das auf der Klaviatur einer Baubranche, die zuweilen nicht zur Sparsamkeit neigt, sondern zu erhöhten Rechnungen und sonstigen Tricks, wenn die Kontrolle fehlt. Nachforderungen, Mehrforderungen, Umplanungshonorare, nicht erwartete Erschwernisse. Vieles ist möglich. Monate später schießen die Baukosten ins Kraut.

Der 3. November 2006 ist auch der Tag, an dem der Projektvertrag zum ersten Mal gebrochen wird. Kim hatte die städtische Geduldsschwelle richtig eingeschätzt: Warum 40 Millionen einzahlen, wenn zehn reichen? Noch profitiert er von einer Stadt, die mit "Augen zu und durch" nur ihr Projekt sieht.
Nun macht die Sparkasse Druck in der Eigenkapitalfrage. Das wirkt. Kim wittert, dass er nun einen Beweis für seine wirtschaftliche Potenz bringen muss. Nur wie? Sein Rating bei den Banken ist offenbar so aussichtslos, dass er Hilfe bei einer sogenannten Heuschrecke sucht. Kim findet sie in der niederländisch-israelischen Arazim Ltd. mit Sitz in Nikosia auf Zypern. Sie beißt zu, leiht Kim zehn Millionen Euro.

Die Stadt Bonn weiß von diesem Deal nichts, auch nichts von den Zinsen. Wie hoch sie waren? Zwölf Prozent, vielleicht 15 oder gar 25 Prozent? Kim unterschreibt für 60 Prozent. Man könnte "Wucher" dazu sagen, aber der Begriff trifft es nicht. Es ist der Zinssatz der Heuschrecken für Ausweglose. Den Kredit besichert er mit 49 Prozent der UNCC-Anteile, was vertragskonform ist, denn mehr darf er ohne städtische Einwilligung nicht.

Was führt Kim im Schilde? Ist er ohne Plan in das Projekt gestolpert? Ist er vom Pokerspieler zum Heuschrecken-Opfer geworden? Oder ist er ein Schlitzohr, das sich auf Umwegen seine Rendite besorgt hat, etwa über den im Stillen wirkenden Generalübernehmer Young Ho Hong, ein Architekturbüro in Berlin? Kim hatte seine Generalunternehmerfunktion auf eben jenen Mister Hong übertragen, der nun schalten und walten konnte, wie er wollte.
Hong wird eines Tages, als sich Mehrkosten von 60 Millionen Euro abzeichnen, vor dem städtischen WCCB-Unterausschuss sagen: "Seien Sie froh, dass das Projekt bei mir gelandet ist, sonst wäre es noch teurer geworden." Die Anwesenden sollen gelacht und geklatscht und nichts gewittert haben. Theoretisch könnte Hongs Zitat inhaltlich zutreffen, gäbe es da nicht viel Umgereimtes, unter anderem eine Rechnungsposition, in der Mister Hong 6,1 Millionen Euro als Umplanungshonorar fordert - und auch bekommen hat. Quasi von sich selbst und Kim, denn beide saßen an der Kasse. Der eine (Hong) legte vor und der andere (Kim) zeichnete ab - als UNCC-Geschäftsführer, der er noch heute ist. Es gibt Eingeweihte, die berichten, Hong habe mit Subunternehmern Katz und Maus gespielt - und ob ein städtischer Gebäudemanager Rechnungen abzeichnete oder nicht, ist nach dem Projektvertrag ohnehin unerheblich. Kim/Hong hatten nur Informationspflichten.

Jedenfalls bleibt SMI Hyundai notorisch zahlungsschwach, und die Heuschrecke auf Zypern wird nervös, weshalb Arazim am 15. August 2007 SMI die Zügel anlegt: Kim muss nun 94 Prozent seiner UNCC-Anteile verpfänden, sollte SMI nicht bis Mitte Februar 2008 Tilgung und Zinsen bedienen. Eine Verpfändung, die den zweiten Verstoß gegen den Projektvertrag markiert. Auch die verlängerte Frist schafft Kim nicht. Er wird zu spät zahlen, weil es brauchte, mit Honua Investment Management Inc. aus Honolulu seinen Nachfolger in Bonn zu finden. Honua zahlt an SMI 32 Millionen Euro für 94 Prozent der UNCC-Anteile. Wie viel davon letztlich bei der UNCC landet, nachdem Kim die gefräßige Heuschrecke befriedigt hat, weiß nur Kim.

Für die Stadt Bonn ist das Zukunftsprojekt längst ein Abenteuertrip geworden, der jedoch gegenüber Medien und Öffentlichkeit beharrlich als Kuraufenthalt dargestellt wird. Unterdessen unterschätzt Kim Arazim und glaubt, weil er alle Schulden getilgt und sogar die Wucherzinsen bezahlt hat, sei er die Heuschrecke los. Aber Kim zahlte eben nicht pünktlich, und Vertrag ist Vertrag und Verpfändung Verpfändung. Ob das so ist, prüft am 5. August 2009 das Bonner Landgericht in einem einstweiligen Verfügungsverfahren.

Die Firmensitze von Klägern und Beklagten verraten in der 13. Zivilkammer jedem, der es immer noch nicht wahrhaben will: Aus der Herzensangelegenheit Bonner Politiker ist längst Monopoly geworden. Nikosia/Zypern (Arazim) klagt gegen Reston/USA (SMI) und Honolulu/USA (Honua). Der Hauptbetroffene, die Stadt Bonn, ist nicht anwesend. Sie ist auch in der Sache tatsächlich nur Zuschauer und muss mitansehen, wie hoch der Preis dafür ist, die Zukunft zwar anzugehen, aber jede unternehmerische Verantwortung und effektive Kontrolle zu scheuen und und delegiert zu haben und zum Schluss doch für alles zu haften.

Das Gericht entscheidet vorläufig: Ja, das wichtigste Zukunftsprojekt der Stadt gehört nun einer Heuschrecke. Arazim wird jedoch nur abziehen, wenn sie - um im Bild zu bleiben - noch einen Baum kahlfressen kann. Arazim will alles, nur kein Kongresszentrum zu Ende bauen oder gar betreiben. Arazim will Geld. Was wird die Heuschrecke fordern, damit sie nicht bis zum 15. Oktober die Hauptsacheklage einreicht? Fünf, zehn, 15 Millionen Euro? Und wer wird es bezahlen? Honua? Oder wieder die Stadt, wo doch so viele Schulen, Kindergärten und Sportplätze zu sanieren wären? Warum sollte Honua zahlen, wo ein Gericht der Firma auf Hawaii gerade bestätigt hat, dass sie trotz 32 Millionen Euro gar nichts besitzt? Und es fehlen noch 60 Millionen Euro, um die WCCB-Baustelle bis zu einem Kongresszentrum zu treiben, das eröffnet werden kann - 60 Millionen, die sich Honua und Sparkasse teilen sollen. Aber die Sparkasse wird vermutlich nur zahlen, wenn Honua zahlt, und Honua zahlt nur, wenn die Heuschrecke aufgibt. So wird aus Monopoly ein Schachbrett.

Fragen über Fragen ziehen sich wie schwere Wolken über dem WCCB zusammen, während Friedel Frechen, Pressesprecher der Stadt Bonn, nur seinen Job macht. "Alles im Griff", verkündet Frechen, es habe sich grundsätzlich nichts geändert, denn Honua stehe noch im Handelsregister. Damit beleidigt er quasi im Vorbeigehen die Urteilskraft des Vorsitzenden Richters Gerald Meyers, der - verkürzt und nüchtern betrachtet - nur prüfte, an wen Kim was und wann verpfändete oder verkaufte. Fakt ist: Kim verkaufte Honua etwas zu einem Zeitpunkt, was er gar nicht mehr besaß und längst an Arazim verpfändet hatte. Ob Kim das bewusst war, steht in den Sternen, wie so vieles bei diesem Projekt.

Es ist erstaunlich, wie detailliert ausländische Finanzjongleure das deutsche Steuerrecht kennen. Warum stets 94 Prozent und nicht etwa 95? Was will Kim? Eigentlich weg aus Bonn und weg von dem Projekt. Man darf vermuten, dass er Arazim oder Honua nur zu gerne 100 Prozent seiner UNCC-Anteile verkauft hätte, aber Asiate Kim ist kein deutscher Steuerdepp: Ab 95 Prozent wären 3,5 Prozent Grunderwerbssteuer fällig. Das wären Millionen, unnötige, gewesen. Die Fremden sind, wenn es ums eigene Geld geht, knauserig.

Und das, was sich vor, auf und hinter Bonns größter Baustelle abspielt, ist heute nicht komplett überschaubar. Perfideste Pläne sind denkbar, und dass Bonner Industrielle beobachtet haben, wie Kim seine WCC-Anteile auf dem Londoner Finanzplatz wie Sauerbier angeboten hat, widerspricht zumindest ganz üblen Thesen.

Unterdessen, folgt man Experten, belauern einige Investoren schon wieder hellwach Bonn. Sie warten auf das Heimfallrecht, wenn die gesamte WCCB-Baustelle wieder bei der Stadt landet. Und sie hoffen: Dass die Stadt das Projekt dann noch mehr als zuvor als Mühlstein empfindet. Man darf vermuten, dass auch einige Heuschrecken wieder Witterung aufgenommen haben. Sie haben eine feine Nase für den richtigen Zeitpunkt, um Angebote für Aussichtslose zu machen. Sei es Kim, sei es Bonn.

Mitarbeit: Andreas Boettcher, Ulrich Bumann, Lisa Inhoffen, Bernd Leyendecker, Florian Ludwig, Ulrich Lüke und Delphine Sachsenröder