Das erste Interview von Natalja WASSILJEWA mit Gazeta.ru und Doschd TV

Natalja WASSILJEWA’s erstes Interview auf dem Telekanal Doschd TV

Am 14. Februar 2011 gibt die Pressesprecherin des Bezirksgerichts Hamownischeskij Sud, Natalja WASSILJEWA, der Internetzeitung Gazeta.ru und dem Telekanal Doschd TV ein Interview. Darin offenbart sie, dass das zuletzt gesprochene Urteil vom 30. Dezember 2010 – 6 Jahre Lagerhaft wegen ‚Diebstahls’ von 218 Mio Tonnen Öl und Geldwäscherei gegen Michail CHODORKOWSKIJ und Platon LEBEDEV - nicht vom zuständigen Richter Nikolay DANILKIN verfasst wurde, sondern vom Oberen Gericht, dem Moskauer Stadtgericht.

Hinweis: die Abkürzung SMI steht für ‚Sredstvo Massawoj Informazii‘ und bedeutet Massenmedien.


Ich, Wassiljewa Natlja, arbeite als Pressesprecherin des Bezirksgerichts Hamovnischeskij Sud. Zu meinen Aufgaben gehörte die Koordination der SMI, die zum Chodorkowskij-Prozess kamen. Konkreter gesagt, musste ich Presse richtig aufstellen, diese rechtzeitig hereinlassen, den Prozess der Aufnahme kontrollieren und diese wieder aus dem Gerichtsgebäude herausführen.

 
Warum sprechen Sie über Ihre Aufgaben in der Vergangenheitsform?

Weil ich davon ausgehe, dass heute alles zu Ende geht. Ich denke, dies wird Folgen haben.


Wir alle wissen, dass Richter Danilkin am zweiten November [2010] sich in das Beratungszimmer begeben hatte, um dort  das Urteil zu schreiben. Der Anfang der Urteilsverkündung war geplant für den 15. Dezember. Wie und warum wurde die Entscheidung getroffen, die Urteilsverkündung zum Monatsende zu verschieben.

Danilkin hat mit dem Schrieben des Urteils begonnen und ich vermute, dass das, was drin stand, die höher stehende Instanz nicht zufriedenstellen würde. Dementsprechend hat er ein anderes Urteil zur Verkündung bekommen. Und da es noch nicht zu Ende geschrieben wurde, hatte es länger gedauert als angekündigt.

 
Demnach kann es sein, dass das Urteil vor der Verkündung von jemand anders gelesen wurde?

Nein, er wurde nicht gelesen (…) Wenn eine Totalkontrolle seitens des Oberen Gerichts herrscht, da muss nichts gelesen werden. Da reicht es schon, einfach zu sagen, was drin steht.

 

Warum wurde das dann erst nach dem 15. gesagt?

Das Urteil wurde nicht am 15. verkündet, weil da unser Premier aufgetreten ist und damit die Aufmerksamkeit nicht von seinem Auftritt gelenkt wird. Dies wurde nirgendswo ausgesprochen. Aber der Hintergedanke war immer da. Alle verstehen das, aber keiner sagt was. Alle schweigen.


Ich kann sagen, dass das gesamte gerichtliche Gemeinschaft bestens versteht, dass das ein bestellte Angelegenheit  und ein bestellter Prozess ist. Und alle haben verstehen Viktor Nikolajewich [Richter] und haben Mitgefühl. Aber wie man am besten aus dieser Situation herausgehen kann weiss wohlmöglich keiner. Wissen Sie, wenn man nein sagt, dann wird dir bestenfalls angeboten zu kündigen.


Auch in einem normalen Prozess, mit einer geringeren Resonanz?

Sollte es eine Verbindung mit dem Mosgorsud [Oberes Stadtgericht Moskau]kann dies durchaus mal vorkommen. Nur ist es so, dass solche politischen Angelegenheiten, solche bestellten Sachen, die sind bereits vororientiert auf ein bestimmtes Resultat. Und wenn du ablehnst, dann verlierst du alles.

 
Sie hatten doch Kontakt zu Danilkin als er mit dem Mosgorsud verkehrte. Wie hatte er es empfunden, dass er dem Mosgorsud Rechenschaft ablegen sollte?

Er war nervös, er nahm es sich schwer zu Herzen. Auch hatte sich darüber beschwert, dass ihm gesagt wurden, was zu tun sei. Es hat ihm nicht gefallen, verständlicherweise.

 
Hatte es das seinen Kollegen erzählt?

Nein, ich kann nicht sagen, dass er es seinen Kollegen erzählt hatte. Aber dadurch, dass ich viel Kontakt zu ihm hatte, war ich oft in seinem Büro und habe seinen Zustand gesehen. Manchmal war er sehr deprimiert, manchmal hat er sich beschwert. Ich habe einfach seine Reaktion gesehen nach dem Gespräch mit Mosgorsud. Er war unzufrieden. Vor allem nach dem er dort gewesen war. Es gab Sachen, die nicht am Telefon besprochen werden konnten und so musste er dorthin fahren.


Wie oft ist er dort gewesen, einmal wöchentlich, monatlich?

Einmal die Woche bestimmt. Es gab da einen Moment, als ich in sein Büro reingekommen bin, um irgendwelche Fragen zu klären und sah ihn in einem aufgewirbelten Zustand. Auf meine Fragen antwortete er zornerfüllt: „Ich kann dir zu diesen Fragen keine Antwort geben, weil ich nicht weiß, wo ich morgen sein werde und was mit mir geschieht.“ Solche Momente kamen vor. Dann, als ich etwas bezüglich meiner Arbeit mit SMI was gefragt hatte, sagte er ausgeliefert und mit gesenkten Armen: „Mach doch was du willst. Mir ist das jetzt alles egal.“

 
In welchen Stadium des Prozesses sprach er so?

Ausdrücke wie, er wisse nicht, was mit ihm geschieht, kamen noch bevor er an das Urteil ging. Und darüber, dass ihm alles egal sei, kam zur Zeit der Urteilsverkündung, die einige Tage dauerte.

Anfangs hatte er das Urteil selbst geschrieben und da über ihm eine Totalkontrolle steht, hat das, was er geschrieben hat, dem Oberen Gericht wohlmöglich nicht gefallen. Und so wurde das Urteil ausgewechselt.

Meine Vermutungen belege ich damit, dass ich im Umkreis des Richters selbts gehört habe, dass das Urteil im Mosgorsud geschrieben wurde. Dass das alles sehr eilends gemacht wurde, sehr schnell. Und dass Danilkin damit überhaupt nichts zu tun hat.

Dass das Urteil aus Mosgorsud gebracht wurde, weiß ich ganz genau. Und dass das Urteil vom Kassationsgericht verfasst wurde, ist offensichtlich. Niemand anderes könnte es gemacht haben.

 
Können Sie das genau Datum nennen, an dem das Urteil aus Mosgorsud gebracht wurde? War das vor oder nacht dem 15.?

Das war danach, näher zur Verkündung und einige Teile wurden selbst während der Verkündung hinzugebracht. Das Ende des Urteils wurde während der Verkündung gebracht.

Dass das Urteil in Eile verfasst wurde, zeigt der kurze Zeitraum und ich persönlich habe gesehen, wie nach der Verurteilung dieses Urteil in seiner digitalen Form von Sekretären verbesser wurde. Sie haben technische Fehler beseitigt, wie Absätze hinzufügen, Kommata falsch gesetzt oder Intervalle wurden falsch beachtet. Solche technischen Sachen wurden erst nach der Verkündung gemacht und ich habe das mit eigenen Augen gesehen.

 
Und in regulärer Praxis kommt das normalerweise nie den Sekretären zu?

Nein. Das Urteil muss vom Richter höchstpersönlich verfasst werden, ohne jegliche Fehler und Markierungen. Jegliche Korrekturen daran sind nicht erlaubt.

 
Wir haben die Information, dass kurz vor dem zweiten Termin der Urteilsverkündung, Richter Danilkin an seinem freien Tag in den Mosgorsud geladen wurde.

Ja, das ist mir bekannt. Am Samstag, den 25. Dezember war er dort. Obwohl es ein Samstag war, mussten viele Menschen arbeiten, weil zum Jahresende noch einige statistischen Berichte noch zu Ende geschrieben werden mussten bei Mosgorsud. Und dort hat man ihn an dem Tag gesehen.

 
Wissen Sie, wenn er dort getroffen bzw. nicht getroffen hat? Wenn er geplant hatte dort anzutreffen?

Von seinem Umfeld wurde gesagt, dass er irgendeine wichtige Person erwartet hatte, welcher ihm genaue Anweisungen zu diesem Urteil geben sollte.

 
Das war also nicht der Präsident des Oberen Gerichts?

Nein, das war jemand aus einer deutlich höher stehenden Position. Er wurde morgens dorthin bestellt und blieb praktisch den ganzen Tag dort.

 
Sind Ihnen irgendwelche Motive bekannt, die einen Einfluss auf Richter Danilkin haben konnten?

Im Umkreis von ehemals entlassenen Richtern herrscht ein und dieselbe Aussage. Sie berichten davon, dass erst eine Vorladung in dem Mosgorsud kommt und dort dann dies und jenes erzählt und angeboten wird. Später wird gesagt, man solle über sich, seine Familie, Kinder und Karriere nachdenken. Es werden solche eindeutige Hinweise gegeben.

 
Ist das ein Hinweis auf Entlassung oder auf etwas deutlich Ernsteres?

Ganz davon abhängig, wer worauf genau kommt. Aber Entlassung inbegriffen. Aber sie entlassen einen nicht sofort, sondern suchen nach einem glaubhaften Grund. Es existiert das Verständnis, dass wenn du nicht das tust, was dir gesagt wird du Probleme bekommst.

 
Haben Sie eine Ahnung oder Vermutung dessen, was mit Richter Danilkin im weiteren Verlauf geschieht?

Bezogen darauf, was in der Umgebung kursiert, wird er höchstwahrscheinlich entlassen. Aber erst nach einer bestimmten Zeit und mit irgendeiner glaubhaften Begründung. Entweder wird ihm angeboten in Rente zu gehen, oder er bekommt eine Einladung zur Arbeit beim Mosgorsud und wird dann später entlassen.


Und das, weil er es versucht hatte ein anderes Urteil, als von ihm erwartet wurde, zu schreiben?

Ja, und deswegen auch.


Und wofür noch?

Es kursiert die Meinung, dass er angeblich den Prozess verzögert hatte. Dass er die Zeugen zu viel sprechen ließ, das heißt, er hatte versucht, Zeugen vorzuladen, die aus bestimmten Gründen nicht vorgeladen werden sollten.

 
Haben Sie das Wort ‚versucht‘ unbewusst gesagt oder wollte er tatsächlich jemanden vorladen und konnte das aber nicht tun?

Nein, er musste die Zeugenvorladung mit der höher stehenden Instanz absprechen. Und dementsprechend, sollte er die Erlaubnis bekommen haben, durfte er den Zeugen vorladen. Selbst das wurde kontrolliert.

 
Wie hat er darauf reagiert, dass er ein, nicht von sich aus geschriebenes, Urteil verkünden musste?

Er sah sehr mitgenommen aus. Er hatte sogar Herzbeschwerden vor der Verkündung.

 
Wann genau war das?

Ich meine es war der dritte Tag der Urteilsverkündung. Ich kam zu ihm ins Büro und es roch ganz stark nach Karvalol [Herztropfen] oder Baldrian, irgendein Mittel gegen Herzschmerz. Ich hab die Sekretäre gefragt, ob alles in Ordnung sei und sie antworteten: „Jetzt ja“. Er hat Karvalol eingenommen und es ging ihm wieder besser.

 
Warum haben Sie sich dazu entschlossen, uns all das zu erzählen?

Weil ich enttäuscht wurde (…) Ich wollte Richterin werden und als ich das gesamte Innere gesehen habe, wie alles abläuft, hat sich das Märchen darüber, dass Richter sich nur dem Gesetz unterwerfen und sonst keinem, in Luft aufgelöst. Genauer gesagt, das Gesetz selbst wurde zu einem Märchen. Ich habe verstanden, dass die Aussage, der Richter sei  nur dem Gesetz untergeordnet, nicht stimmt. Der Richter ordnet sich der höher stehenden Instanz an.

 
Natalja, Sie verstehen wohlmöglich, dass nachdem das publiziert wird,  es erstrangig zum Skandal an ihrer Arbeitsstelle kommt und danach wird Ihnen vorgeworfen, Sie vertreten irgendwelche bestimmten Interessen.

Nein, ich vertrete keine Interessen. Ich wollte nur, dass Leute verstehen, dass Vieles von dem, was dargeboten wird, gereinigt, korrigiert ist und nicht immer der Wirklichkeit entspricht.

 
Sind Sie auf ihre wahrscheinlich kommende Entlassung vorbereitet?

Ja, ich vermute, dass ich entlassen werde.

 
Nachdem das rauskommt, was Sie erzählt haben, welche Wirkung, glauben Sie, wird das auf das Schicksal Danilkins haben?

Ich habe Angst um ihn.

 

Am 29. Februar 2011 hat Telekanal Doschd Natalja Wassiljewa zum zweiten Mal interviewt:

 
Gab es irgendwelche Drohung Ihnen gegenüber?

Nein, es gab keine.

 
Das heißt, Sie wurden nicht angerufen von ihren Kollegen, die sie vor irgendetwas warnen wollten, ihre Freundinnen am Arbeitsplatz. Erzählen Sie, es gab doch bestimmt irgendwelche Gespräche?

Nein, meine Arbeitskollegen haben mich nicht angerufen. Nichts dergleichen ist vorgefallen. Die Presse hatte angerufen und wollte irgendwelche Kommentare bekommen. Aber keiner von meiner Arbeit.

 
Es existieren zahlreiche Versionen darüber, dass das Interview bestellt wurde. Kennen Sie diese Meinungen und haben Sie Kommentare zu dem, was ihnen in der letzten Zeit von allen möglichen Experten vorgeworfen wird?

Ja, ich habe im Internet gelesen, dass ich verschiedenen Gruppen zugewiesen werde, dass ich Geld bekommen habe, dass alles bestellt sei. Ich kann sagen, dass ich zu keiner politischen Gruppierung. Ich kenne weder Chodorkowkij noch Lebedev, falls Sie das meinen. Ich kenne nicht deren Verteidiger, ich hatte nie mit ihnen verkehrt und habe diese maximal nur begrüßt im Gerichtssaal. Mir hat keiner Geld gegeben. Ich hab das getan, weil ich es für richtig halte. Ich habe so meine Bürgerpflicht geäußert. Ich wollte, dass die Menschen die Wahrheit kennen. Ich wollte Viktor Nikolajewich und seinen guten Namen verteidigen, sodass die Massenmedien ihn nicht mit Dreck beschmieren können.

 
Und haben Sie was davon gehört, dass das eine Inszenierung von Viktor Nikolajewich selbst gewesen ist?

Ja, ich habe das auch gehört. Aber nein, dem ist nicht so. Das ist nicht wahr. Er wusste nichts davon. Niemand wusste was davon. Ich habe es selbstständig getan.

 
Natalja, am Montag, nach dem Sie das Interview gegeben haben, konnte niemand Sie erreichen. Alle haben vermutet, Sie machen Urlaub in London. Waren Sie in London?

Mir fehlt das Geld dazu. Ich kann es mir nicht einmal leisten, in die Vororte Moskaus zu fahren. Ich habe keine Möglichkeit nach London zu fahren. Ich befinde mich in Moskau und war nirgendswo weg.

 
Und Sie waren niemals im Ausland?

In London noch nie.

 
Und wo waren Sie?

Ich war in Ägypten. Habe dort vor einem Jahr Urlaub gemacht.


Dort waren Sie ausschließlich nur im Urlaub?

Ja, das war im Sommer.

 
Dennoch, hatten Sie Kontakt zu irgendjemanden, ich meine jetzt nicht Platon Lebedev und Michail Chodorkowskij, vielleicht andere Gesicher, die mit Yukos verbunden waren, Newslin beispielsweise? Hatten Sie jemals Kontakt, nicht unbedingt persönlicher aber beruflicher Angelegenheit, zu diesen Personen?

Ich weiß nicht, wer Newslin ist und hatte niemals mit ihm verkehrt.

 
Wie können Sie den nicht kennen?

Ich habe diesen Nachnamen nur gehört. Ich habe nicht einmal das Gesicht dieses Menschen gesehen. Ich bin ein komplett parteiloser Mensch und es hat mich auch nie interessiert.

 
Bezüglich Ihrer weiteren Tätigkeit im Gericht Hamovnischeskij Sud. Wann ist Ohr Urlaub zu Ende?

Am 18. März muss ich wieder zur Arbeit.

 
Gehen Sie dorthin?

Ja, ich fahre zur Arbeit.

 
Es ist klar, was Sie erwarten. Es ist eher eine rhetorische Frage. Was meinen Sie, werden Sie entlassen oder nicht, wird mit Ihnen darüber gesprochen?

Ich kann mir nicht vorstellen, was dort wird und habe keine Gedanken diesbezüglich. Ich werde einfach hingehen und komme, was mag. Ich weiß es nicht.

 
Sie gehen einfach hin, wie sie es auch früher getan haben?

Ja genau.

 
Und was ist, wenn Sie Danilkin im Flur treffen? Ist klar, dass Sie versuchen werden, es zu umgehen, aber was ist wenn?

Nein, warum? Ich begrüße ihn und begebe mich auf meinen Arbeitsplatz.

 
Haben Sie den Wunsch mit ihm zu sprechen? Jetzt zum Beispiel, tête-à-tête und nicht in einer Arbeitsatmosphäre?

Jetzt? Ist bestimmt nicht möglich.

 
Ich rede nicht von der Gegebenheit, sondern vom Gesprächswunsch.

Ich denke, nur auf der Arbeit. Ich möchte ihn nirgendwo anders treffen, nur auf der Arbeit.

 
Warum, wenn Sie doch meinten, dass Sie ihn doch eigentlich nur beschützen wollten?

Um einen anständigen Menschen nicht zu kompromittieren.


 
Neulich haben Sie sich einem Lügendetektor-Test unterzogen. Wo war das und auf wessen Initiative?

Der Test wurde lokal durchgeführt. Der Spezialist war unabhängig und kam aus einer anderen Stadt. Ich kenne ihn nicht. Der Test dauerte etwas mehr als drei Stunden an. Es wurden Fragen gleichen Typus gestellt aber in verschiedenen Kontexten. Das wer recht schwer und anstrengend. Aber ich habe es freiwillig getan, weil ich öffentlich der Verleumdung beschuldigte. Ich wollte den Menschen beweisen, dass ich die Wahrheit gesagt habe.

 
Wissen Sie darüber Bescheid, dass Sie zur Internetheldin wurden und das nicht nur im Kontext mit diesem Interview, sondern auch als ein Mensch, der für die Wahrheit kämpft. Dmitrij Bykow hat über Sie ein Gedicht geschrieben, der von Michail Evremow [Schauspieler] auf Telekanal Doschd vorgetragen wurde. Haben Sie es gesehen  und gefällt es Ihnen, dass Natalja Wassiljewa bereits ein Symbol für Wahrheit ist und das aufgetaut hat, was so lange zugefroren war?

Ich sehe mich überhaupt nicht als Heldin und habe das getan, was ich getan hab. Und ja, ich habe die Videos gesehen und war erstaunt.


Was ist Ihre Vermutung, wie diese Geschichte sich im weiteren Verlauf entwickeln wird? Welche Richtung wird sie einschlagen? Welche Folgen können kommen? Nicht unbedingt auf Sie bezogen, sondern allgemein zum Sachbestand von Chodorkowskij?

Ich kann diese Frage nicht kommentieren. Ich weiß nicht, was kommt. Ich weiß nicht, welche Kräfte da mitwirken und was unternommen wird.

 
Was würden Sie sich denn wünschen, dass es passiert?

Dass Wahrheit triumphiert. Dass Leute die Wahrheit sagen.


Wer?

Jeder, der etwas darüber weiß.

 
Meinen Sie jetzt Danilkin oder sonst noch jemanden?

Danilkin und alle anderen, die damit verbunden sind.

 
Wie, stellen Sie sich vor, könnten Sie das machen? So wie Sie, ein Interview geben? Oder dass der Fall geschlossen und amnestiert wird?

Dass sie einfach erklären, wie alles war.

 
Soll es nur Danilkin machen oder wen würden Sie noch gerne hören?

Nur Danilkin.

 

Nachtrag zum Interview auf Gazeta.ru:

Einige Passagen wurden im Video ausgeschnitten. Das Interview wurde aber in seiner vollsten Länge auf Gazeta.ru publiziert. Die Aspekte, die im Video nicht vorkamen, aber wohlmöglich für weitere Einzelheiten wichtig und interessant sind, werden unten in eigener Übersetzung aufgeführt.

Das Interview wurde geführt von Roman Bandinin und Anna Bocharova

Das Urteil für Machial Chodorkowski wurde verfasst von den Richtern des Oberen Gerichts Moskaus Mosgorsud und ist den Richter Viktor Danilkin gegen seinen Willen aufgezwungen worden. Dies behauptet die Gehilfin des Richters und Presse-Attachée des Hamovnicheskij Gerichts Natalja Wassiljewa, die sich für ein offenes Interview mit Gazeta.ru entschieden hat:


 
Natalja, erzählen Sie, wie weit reicht die Fläche Ihrer Aufgaben beim Hamovnicheskij Gericht? Wofür tragen Sie die Verantwortung im Allgemeinen und wofür genau waren Sie verantwortlich im Prozess gegen Michail Chodorkowskij und Platon Lebedev?

Meine Stelle nennt sich Gehilfin des Richters, darin sind die Aufgaben des Pressesprechers des Hamovnocheskij Gerichts inkludiert. Ich beantworte Anfragen, die beim Gericht eingehen, erarbeite Antworten auf Beschwerden sowie die Bearbeitung der Dokumente für die Buchhaltung. Es kommen noch hinzu Personalleitung und das öffentliche Bereitstellen der gesamten Statistik, die im Gericht geführt wurde. Mit diesen Sachen, und das war eine umfangreiche Arbeit, war ich beschäftigt.

Während des Chodorkowskij-Prozesses war ich verantwortlich für die Arbeit mit den Massenmedien. Konkreter gesagt, ich musste die Presse richtig aufstellen, diese rechtzeitig hereinlassen, den Aufnahmeprozess kontrollieren und die Presse aus dem Gebäude herausführen. (…)

 
Auf welchen Besonderheiten Ihrer Arbeit, dem Umkreis an Ihrer Arbeitsstelle oder Informationen von anderen Quellen basiert ihr persönliches Bild vom laufenden Gerichtsprozess?

Mein Kontakt mit dem Richter basierte immer auf der Arbeit mit den Massenmedien. Oft rutschten ihm bestimmte Ausdrücke heraus, weil der Mensch sich in einem Zustand befand, in dem er so etwas sagen konnte. Und das, was nicht mit Chodorkowskij zu tun hatte, wurde im Detail diskutiert. Mein Aufgabenbereich war umfangreich und Vieles davon musste mit Viktor Nikolajevich besprochen werden. Vieles ist mit bekannt von einem dem Richter nahestehenden Menschen und den allgemeinen Gesprächen im Gericht.

 
Möchten Sie diesen Menschen nennen?

Nein.

 
Sie verstehen, dass diese Frage wohlmöglich alle interessieren wird, nachdem dieses Interview publiziert worden ist?

Ja, das verstehe ich.

 
Und dass das Beantworten dieser Frage für Sie im späteren Verlauf zur Pflicht vor der Justiz werden kann?

Wahrscheinlich muss ich dann sagen, wer dieser Mensch ist und dann kann er persönlich danach gefragt werden.


Gab es etwas, was im Chodorkowskij-Prozess anders war als in anderen Prozessen, die im Hamovnicheskij Gericht stattgefunden haben?

Natürlich die Tatsache, dass diesem Prozess eine größere Aufmerksamkeit seitens der Massenmedien zugewandt war. Ansonsten hat nichts stattgefunden, was großartig anders gewesen ist. Die reguläre Prozessführung wurde eingehalten.

 
Hatte Danilkin den Prozess selbstständig geführt? Was wissen Sie über das Verhältnis zu seinen Vorgesetzten?

Ich kann sagen, dass, noch bevor Danilkin sich zurückzog zur Urteilsverfassung, es eine stetige Kontrolle über ihn gab.  Nach dem zweiten November ist diese Kontrolle wahrscheinlich nirgends verschwunden.

 
Inwiefern wurde diese Kontrolle über ihn sichtbar?

Viktor Nikolajevich musste jeden anfechtbaren Punkt, welcher in den Verhandlungen aufkam, mit dem Mosgorsud diskutieren.  Das heißt, sobald etwas nicht so lief wie es sein sollte, war er dazu verpflichtet, das dem Mosgorsud zu übermitteln. Dort bekam er dann Anweisungen für sein weiteres Verhalten.

 
Können Sie sich an irgendwelche Momente erinnern, in denen Danilkin sich vom Mosgorsud konsultieren ließ? Vielleicht gab es irgendwelche Verstrickungen bei Vorladungen dieser oder jener Zeugen?

Ja, die gab es.


 Wie hat das stattgefunden?

Am Telefon.


Und wen hatte er angerufen?

Ich denke, die Vorsitzende.


[Anmerkung: Die Vorsitzende des Mosgorsuds ist Olga Egorova]


Waren Sie Zeugin eines dieser Telefonate?

Es gab Momente, wo ich während einer Pause irgendwelche Dokumente zum Unterschreiben vorbeibringen wollte und mir aber gesagt wurde, dass ich nicht stören solle, Viktor Nikolajevich würde mit Mosgorsud reden. Oder er selbst hatte mir gesagt: „Ich rede mit der Stadt.“, was für Mosgorsud steht. Dementsprechend wurden irgendwelche Anweisungen gegeben.


 Ist das denn so, dass der Richter, der einen ganz normalen Gerichtsprozess führt, rein gesetzlich abgegrenzt werden soll von seinen Vorgesetzten? Hat er das Recht, bei Unklarheiten, die im Prozess aufkommen, sich an die höher stehende Instanz zu wenden? Zählt das, was Danilkin getan hatte bzw. was er tun musste, als generelle Praxis oder als Verstoß?

Das, was Richter Danilkin getan hat, war Gezwungenheit. Rein gesetzlich ist er nicht dazu verpflichtet, sich mit jemand auszutauschen oder irgendwelche Meinungen zu beachten. Er muss das Urteil entsprechend dem Gesetz fällen. Niemand hat das Recht, sich in den Gerichtsprozess einzumischen. Dementsprechend kann das Beratschlagen seitens vom Mosgorsud insofern als ein Verstoß angesehen werden, da es eine höhere Instanz gibt, die Druck ausüben kann. (…)

In der Praxis existieren folgende Richtlinien: Sollte ein relativ wichtiger Prozess stattfinden und ein normaler Richter diesen führen, muss er seinen Vorgesetzten darüber in Kenntnis setzten und sich von ihm konsultieren lassen. Und sollte es so ein Prozess wie der Fall Chodorkowskij sein, muss Mosgorsud alles darüber wissen und diesen in gewisser Hinsicht regeln, dazu Anweisungen geben. (…)

 
Laut der Gesetzgebung,  wie hat das Urteilschreiben stattzufinden? Wer schreibt das Urteil, wo wird es geschrieben und wo wird es die ganze Zeit über aufbewahrt?

Das Urteil wird vom führenden Richter höchstpersönlich geschrieben. Der Richter schreibt es in seinem Büro während der Arbeitszeit. Geschrieben wird mit dem Computer im Word. Niemand anders hat das Recht, in diese Arbeit einzudringen.

Während der Urteilverschriftlichung ist der Zugang zum Sitzungszimmer des Richters allen Mitarbeitern sowie allen anderen Bürgern bis zur Fertigstellung streng untersagt. (…)

 
Gibt es irgendwelche Möglichkeiten den Text betrachtend  zu beweisen, dass das Urteil nicht der Feder Danilkins entspricht?

Das kann mit einer Untersuchung festgestellt werden. Dazu werden vorherige Urteile genommen und mit dem aktuellen stilistisch verglichen.

 
Sie haben gesagt, Danilkin habe das Urteil von oben bekommen. Wer hat es geschrieben und Danilkin übergeben?

Eine Person aus Danilkins engem Umkreis hatte mir die Namen dieser Richter genannt. Ich kenne diese Namen aber ziehe es vor, diese jetzt nicht zu nennen. (…)


[Anmerkung: Auf die Frage, ob sie Danilkin persönlich bei Mosgorsud gesehen hat, als er dort an einem Samstag war, antwortet Wassiljewa, sie habe an diesem Tag frei gehabt und Danilkin dementsprechend persönlich nicht gesehen. Es sei ihr nur bekannt aus anderen Quellen.]


Im Stadium der Urteilsverfassung, kann da der Vorsitzende eines Bezirksgerichts [was Danilkin auch ist] sich allgemein bei seinen Vorsitzenden befinden?

In seiner Arbeitszeit muss der Richter sich in seinem Büro befinden und die Textarbeit machen.


Selbst wenn er der Vorsitzende eines Gerichts ist, darf er nicht sich zur höher stehenden Instanz gehen?

Ob ein Vorsitzender oder nicht, das spielt keine Rolle. Befindet sich ein Richter im Prozess der Urteilsfällung, muss er die Vorgaben des Gesetzes beachten und darf nirgends hingehen.


Und was ist mit freien Tagen? Ist der Richter da ein freier Mensch?

Freie Tage sind freie Tage. An seinen freien Tagen ist er ein freier Mensch. Es ist nur dann ein Verstoß, wenn während der Arbeit am Urteil jemand, ausgenommen der Richter selbst, das Büro betritt.


Demnach kann dem Mosgorsud auch Danilkin kein Verstoß vorgeworfen werden, da es ein Samstag war?

Ja, Sie haben Recht. Das war außerhalb der Arbeitszeit und er hat gegen nichts verstoßen. An seinen freien Tagen kann er hingehen, wohin er möchte. (…)


 Wie fühlt Danilkin sich jetzt?

Physisch – normal. Was den psychischen Zustand betrifft, so ist dieser Mensch ganz düster geworden, ist ständig bedrückt und traurig. Es ist so, als ob er verstehen würde, dass irgendetwas Schlimmer bevorsteht. Er lächelt nicht, er spricht nicht. Manchmal ist er sehr gereizt.

 
Und womit vergleichen Sie das?

Mit der Zeit als ich zu ersten Mal gesehen hab. Das war Mitte 2009. Er war ein anderer Mensch, ein vollkommen anderer Mensch.

 
Wie ist er denn sonst?

Fröhlich, ausgeglichen, kontaktfreudig. Alles um ihn hat ihn interessiert, das Leben im Gericht und auch alles andere. Je mehr Zeit verging, desto mehr ging er in diesen Prozess hinein. Und das Leben im Gericht hat für praktisch aufgehört zu existieren. Obwohl das für einen Vorsitzenden sehr wichtig ist. (…)

 
Kann der Eindruck entstehen, dass Sie mit dem Richter in ein freundschaftliches Verhältnis haben?

Wohl kaum.

 
Wie wirkt sich Ihre Offenbarung auf Danilkins Schicksal aus?

Es wäre ihm so oder so schlecht ergangen. Kann mir nicht vorstellen, wie sich der weitere Verlauf der Dinge entwickeln wird. Nur weiß ich, dass wenn ich das nicht erzählt hatte, er ganz leise und ruhig hinausbegleitet werden würde. Was aber jetzt wird, weiß ich nicht. (…)

 
Das heißt, Sie handeln nach seinen Interessen?

Er weiß nichts davon. (…)

Wie wollen Sie das, was Sie uns heute erzählt haben, beweisen? Erklären Sie sich bereit für eine Zeugenaussage, falls ein Verfahren eingeleitet wird?

Ja. Ich kann mich nicht zurückziehen. Ich habe das alles gesehen. (…)


Haben Sie eine eigene Meinung zum Fall Chodorkowskij und Lebedev? Haben Sie Mitleid oder finden Sie, beide gehören ins Gefängnis?

Ich finde nicht, dass sie ins Gefängnis gehören. Ob ich mit ihnen Mitleid habe – nein, das wäre nicht richtig. Ich es wohl nachempfinden und verstehe, dass diese Leute in den Fleischwolf gekommen sind.

 
Und hatte Viktor Nikolajevich sich diesen beiden gegenüber irgendwie geäußert?

Sein Verhältnis zu den Angeklagten war wie zu allen anderen Leuten auch. Ich habe niemals mitbekommen, dass er sich ihnen gegenüber nicht korrekt ausgedrückt hatte, niemals.

Whistleblower

Dies ist die Geschichte eines Whistleblowers